Pressemeldung: Ergebnisse der TIES-Studie aus Frankfurt, Berlin und Europa wurden im Römer präsentiert und diskutiert
27. Januar 2012 | Von admin_jkm555 | Kategorie: Pressemitteilungen Politik, Recht & GesellschaftDie Integration der zweiten Generation
Frankfurt, 27.01.2012 (pia) – Wissenschaftler der Universität Osnabrück (Institut IMIS) haben am Donnerstag im Römer die Ergebnisse ihrer aktuellen Forschungen im Rahmen des TIES-Projektes („The Integration oft he European Second Generation“) präsentiert. Der Bericht behandelt Bildungskarrieren und Bildungsabschlüsse, Arbeitsmarktpositionen, Räumliche Segregation und Wohnverhältnisse, Ethnische und kulturelle Orientierung, soziale Beziehungen sowie Familienbildung und partnerschaftliche Beziehungen.
„Wir müssen den Blick auf Menschen und ihre Beweggründe lenken, auf konkrete Lebenssituationen und Lebensumstände. Integration ist nur ein begrifflicher Platzhalter für eine Wirklichkeit, die von allen Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam geschaffen wird“, sagte die Dezernentin für Integration, Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg in ihrer Eröffnungsrede. Es ist die erste Studie, deren Augenmerk sich ausschließlich auf die in Deutschland geborenen Kinder türkischer und jugoslawischer Einwanderer richtet. Sie kann damit genauer auf strukturelle Defizite, aber auch die soziale Mobilität innerhalb der zugewanderten Familien hinweisen, als dies in Integrationsstudien bisher möglich war. Außerdem wurde die türkische zweite Generation parallel in sechs weiteren europäischen Ländern untersucht. Damit lassen sich Effekte etwa des Bildungshintergrunds der eingewanderten Eltern eindeutig von Effekten der unterschiedlichen Bildungssysteme und anderer institutioneller Faktoren unterscheiden. Auch im Städtevergleich Frankfurt – Berlin wird deutlich, dass der jeweilige Kontext vor Ort eine wichtige Rolle spielt.
Im Bereich der Bildung ist auffällig, dass die zweite „jugoslawische“ Generation sich überraschend stark an die Kontrollgruppe ohne Migrationshintergrund annähert, während die befragten Türken wie erwartet deutlich schlechtere Bildungsabschlüsse erreicht haben. Im Vergleich mit den Eltern ist allerdings der Bildungsaufstieg in dieser Gruppe besonders groß. In den anderen europäischen Ländern erzielt die türkische zweite Generation allerdings dramatisch bessere Bildungsabschlüsse als in Deutschland – vor allem, weil es hier nicht gelungen ist, den Bildungserfolg vom elterlichen Bildungsniveau und der elterlichen Unterstützung abzukoppeln. In Deutschland hatten Befragte aus türkischen Familien mit niedrigem elterlichen Bildungsniveau und wenig Unterstützung praktisch keine Chance, einen Hochschulabschluss zu erreichen, während dies für bis zu 40 Prozent der Befragten in anderen Ländern gilt.
Barbara Herzog-Punzenberger, Wissenschaftlerin vom Bundesinstitut bifie für die TIES-Studie aus Österreich, sagte: „Die Unterschiede der Bildungssysteme haben offensichtlich großen Einfluss auf die unterschiedlichen Bildungsverläufe. Das zeigen die Vergleichsdaten von Österreich, Deutschland und anderen Ländern wie Schweden – dort wiederum ist die Unabhängigkeit des Bildungserfolges von der Herkunft der Schüler sehr beeindruckend.“ Jens Schneider, Wissenschaftler und Mitinitiator der TIES Studie, bestätigte diese Beobachtung: „Die internationalen Vergleiche zeigen, dass es in einigen Ländern durchaus gelingt, den jungen Erwachsenen der zweiten Migrantengeneration unabhängig von Ausbildung und Herkunftsland der Eltern bessere Bildungsabschlüsse zu ermöglichen – durch Faktoren wie längeres gemeinsames Lernen oder durch eine zweite oder dritte Chance.“
Die Bildungsabschlüsse wirken sich laut Studie auch auf den Zugang zum Arbeitsmarkt aus. Besonders junge türkische Frauen mit niedrigen Abschlüssen bleiben dem Arbeitsmarkt in Deutschland fern, während dies in den anderen Ländern nicht der Fall ist. Der Arbeitsmarkt in Frankfurt bietet bessere Möglichkeiten als in Berlin. „Bei den hier aufgewachsenen Jugendlichen geht es eigentlich gar nicht um Integration, sondern vielmehr um den Abbau von Benachteiligung und die Ermöglichung von fairen Bildungs- und Teilhabe-Chancen“, bilanzierte Maren Wilmes, Wissenschaftlerin des IMIS-Instituts.
Angesichts der schlechteren sozialen Position liegt nahe, dass auch die Wohnraumsituation in der zweiten Generation hinter der Kontrollgruppe zurückbleibt. Ethnische Segregation in Wohnvierteln ist in Berlin in der türkischen Gruppe stärker als in der jugoslawischen, aber auch stärker als in Frankfurt für beide Gruppen. Am stärksten ausgeprägt ist sie erwartungsgemäß unter den Befragten ohne Migrationshintergrund, allerdings auch verbunden mit einer deutlichen Bevorzugung ethnisch homogener Wohnumgebung und Freundeskreise.
Zugleich zeigt die Studie eine höhere Identifikation mit dem eigenen Stadtteil unter den Einwandererkindern. Das Maß an Identifikation mit Deutschland und der jeweiligen Stadt ist ebenfalls überraschend hoch und es wird deutlich, dass die ethnisch-kulturelle Identifikation mit der Herkunft nicht im Widerspruch steht zur deutschen oder lokalen Identität – trotz eines öffentlichen Diskurses, der häufig das Gegenteil postuliert. Allerdings können Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag zur reaktiven Abkehr vom Geburtsland führen.
Der markanteste soziokulturelle Unterschied zwischen der zweiten Generation und der Kontrollgruppe liegt in der Bedeutung der Religiosität. Trotz starker Säkularisierungstendenzen hat die Religion besonders für die türkische Gruppe eine deutlich stärkere Bedeutung als für die Befragten ohne Migrationshintergrund. Streng gläubige Muslime stellen allerdings auch in der türkischen Gruppe nur eine kleine Minderheit dar, bei der überwiegenden Mehrheit geht ein hohes Maß an Identifikation mit dem Glauben mit sehr differenzierter religiöser Praxis einher. Allerdings begünstigen die starke Politisierung des Islam im öffentlichen Diskurs und die im europäischen Vergleich sehr geringe staatliche Anerkennung islamischer Institutionen in Deutschland die Entstehung von Minderheiten, für die der Glauben einhergeht mit schwachem allgemeinem Zugehörigkeitsgefühl und einer stärkeren Hinwendung zur Türkei.
Die TIES Studie provoziert mit der Forschungsfrage: „Wer ist eigentlich einheimisch?“ – Ein höherer Prozentsatz der Frankfurter der zweiten Generation als bei der deutschen Vergleichsgruppe ist hier geboren und aufgewachsen. Zugehörige dieser Nachfolgegeneration fühlen sich beispielsweise zu 70 Prozent mit ihrem Stadtteil verbunden, so die Daten der TIES Studie. Claudia Walther, von der Bertelsmann Stiftung, sagte: „Die TIES-Studie zeigt, dass die hier geborenen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien sich mit ihrer Stadt identifizieren. Es ist wichtig, dass sie auch von der Gesellschaft akzeptiert werden.” Ob sie sich auch mit Deutschland identifizieren, so die These von Yilmaz Can vom Frankfurter Jugendring, liege vor allem daran, ob sie gesellschaftlich akzeptiert und erfolgreich sind oder ob sie sich diskriminiert fühlen.
Helga Nagel, Leiterin des Amt für multikulturelle Angelegenheiten, sagte: „Im Städte- und Ländervergleich wird deutlich, wie stark die Ergebnisse von den sozialen, institutionellen und politischen Bedingungen auf lokaler und auf nationaler Ebene abhängen. Auch wenn die Studie bescheinigt, dass die zweite Generation in Frankfurt grundsätzlich erfolgreicher ist als in Berlin, die Herausforderung, faire Bildungs- und Teilhabe-Chancen zu schaffen, bleibt.“
Download der Studie unter http://www.imis.uni-osnabrueck.de/
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